Nach der Corona-Krise stellen sich Bewohner und Mitarbeitende mit Mundschutz im Garten für ein Gruppenfoto auf. 17 Jun 2020

BY: Reha GmbH

Aktuelles

Viel Solidarität in Corona-Krise

Corona-Krise: Wohnstätten an der Bergstraße erlebten viel Solidarität

Es ist ein Worst-Case-Szenario für stationäre Einrichtungen: In zwei Wohnstätten der Reha GmbH waren Bewohner an Covid-19 erkrankt. Für alle Beteiligten ein Schock. Doch die Einrichtungen erlebten auch sehr viel Solidarität in der Corona-Krise.

Über vier Wochen lang hatte Covid-19 die beiden Wohnstätten an der Bergstraße in Atem gehalten. Ein Bewohner aus dem Altbau war nach einem Schlaganfall in einer Klinik behandelt worden und hatte sich dort unbemerkt mit der Corona-Erkrankung infiziert. Da seine Symptome erst eine gute Woche nach der Entlassung auftraten, konnte sich das Virus in den Einrichtungen an der Lengericher Bergstraße ausbreiten.

„Die schwerste Zeit in über 35 Jahren“

Acht weitere Bewohnerinnen und Bewohner erkrankten sowie später noch zwei Mitarbeitende. „Es war sicher die schwerste Zeit in unserem über 35-jährigen Bestehen“, sagt die Leiterin der „Wohnstätte Bergstraße Altbau“ Katharina Hegge. „Und ohne die wirklich großartige Unterstützung von Kollegen, Angehörigen und engagierten Bürgern hätten wir das nicht schaffen können. Wir haben sehr viel Solidarität erlebt.“ Mittlerweile kehrt in kleinen Schritten der Alltag in die Einrichtungen zurück. Und erstmals seit Wochen großer Anspannung ist ausreichend Zeit vorhanden, um einen Blick zurückzuwerfen und eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Trauer um verstorbenen Bewohner

Aufnahme von zwei Mitarbeiterinnen in komplettem Schutzanzug mit Mundschutz und Schutzbrillen.
Arbeiteten während der Corona-Krise unter sehr schweren Bedingungen: Mitarbeitende der Wohnstätte an der Bergstraße.

Als sich Jens Wolters* im April während seines Klinikaufenthaltes infizierte, standen in Deutschland noch nicht genügend Corona-Tests zur Verfügung. Es gab sie in der Regel nur für Menschen mit Symptomen, die in Risikogebieten oder mit Erkrankten zusammen gewesen waren. Da Jens Wolters beschwerdefrei war, wurde er vor der Entlassung nicht getestet, obwohl es in der Klinik Covid-19-Fälle gab. Als der 68-Jährige dann an einem Samstag Krankheitszeichen entwickelte, waren sie sofort sehr heftig. Bereits am Sonntag musste er ins Krankenhaus eingewiesen werden, wo er auch beatmet wurde. Nur drei Tage später verstarb er. „Die Trauer ist immer noch sehr groß“, sagt Katharina Hegge. „Wir sind hier wie eine große Familie. Das ist ein sehr großer Verlust für uns alle.“

Direkt nachdem Jens Wolters erkrankte, waren alle Bewohner und Mitarbeitenden getestet worden. Alle Ergebnisse waren negativ. Die Freude darüber währte jedoch nur kurz. Denn nur wenig später hatten sechs Frauen und Männer ebenfalls Symptome. Eine erneute Testung aller Bewohner und des Teams bestätigte den Verdacht. Später kamen noch zwei Bewohner aus der gegenüberliegenden Einrichtung dazu. „Wir haben die gesunden und kranken Bewohner sofort räumlich getrennt“, berichtet Katharina Hegge.

Im nächsten Schritt habe die Reha GmbH Zimmer in einem Gasthof angemietet. Hier lebten die Nicht-Erkrankten knapp vier Wochen lang gemeinsam mit Betreuern. „Im Altbau an der Bergstraße haben wir eine Corona-Quarantänestation für unsere Covid-19-Patienten eingerichtet. Dabei haben wir eng mit dem Krisenstab des Kreises Steinfurt zusammengearbeitet, der uns auch sehr gut unterstützt hat“, so die Sozialarbeiterin.

Beschaffung von Schutzausrüstung großes Problem

Die Versorgung der Corona-Patienten war für die Betreuerinnen und Betreuer ein emotionaler und physischer Kraftakt. „Drei der Patienten waren schwer erkrankt. Das war auch für uns sehr belastend“, berichtet Katharina Hegge. Aber auch alle anderen litten stark unter den Symptomen. Dazu kam die Angst, sich selbst zu infizieren. „Die war bei uns allen immer dabei. Obwohl wir mit Schutzanzug, Handschuhen, Mundschutz, Brille oder Visier gearbeitet haben.“ Die Beschaffung der vorgeschriebenen Schutzausrüstung war ein weiteres Problem. „Für uns als einzelne Einrichtung war es praktisch unmöglich, das  notwendige Material auf dem freien Markt zu erhalten“, berichtet Geschäftsführer Herbert Isken. „Hier hat uns der der Krisenstab des Kreises sehr gut unterstützt und immer wieder Schutzausrüstung beschafft.“

Eine große Hilfe sei vor allem der Hausarzt der Wohnstätten Dr. Lothar Eitemüller gewesen, betont Katharina Hegge. „Ohne ihn wäre es überhaupt nicht gegangen. Er war sogar während seines Urlaubs für unsere Erkrankten da. Zudem hat er sehr früh das hohe Risiko der invasiven künstlichen Beatmung gerade für unsere älteren Patienten erkannt.“ Dank seiner Unterstützung hätten zwei besonders schwer Erkrankte minimal invasiv in der Bergstraße beatmet werden können. Die ganze Zeit über habe er die Pflege durch das Betreuerteam fachlich unterstützt.

„Einsatz und Arbeit des Teams sind bewundernswert.“

„Unsere Wohnstätten für Menschen mit Einschränkungen sind ja keine Pflegeeinrichtungen, sondern bieten Leistungen zur Eingliederungshilfe“, sagt Herbert Isken. Dementsprechend seien auch die Qualifikationen des Personals. „Umso bewundernswerter ist, welche tolle Arbeit das gesamte Team geleistet hat. Alle sind über sich hinausgewachsen und haben sich intensiv in ihre Aufgaben eingearbeitet“, betont der Geschäftsführer. „Der Einsatz, den die Kollegen hier zeigten, ist sicher nicht selbstverständlich.“

Vier Wochen lang haben die Mitarbeitenden in Wechselschicht rund um die Uhr gearbeitet. Um genügend Personal zu haben, sprangen Kollegen aus der Tagesstätte „Die Villa“ sowie den Ledder Werkstätten mit ein. Einige halfen bei der Pflege der Erkrankten, andere betreuten die gesunden Bewohnerinnen und Bewohner im Gasthaus. „Die Solidarität unter den Kollegen war sehr hoch“, so Herbert Isken. „Es sind einige Kollegen aus anderen Hilfebausteinen der Reha GmbH zu mir gekommen und haben von sich aus ihre Hilfe angeboten.“

Mitarbeitende der Tagesstätte „Die Villa“ kochten mehrmals pro Woche Essen für die Patienten und ihre Betreuer. Auch das Team der Kontakt- und Beratungsstelle „Café Regenbogen“ bereitete Mahlzeiten zu und backte Kuchen. Angehörige und gesetzliche Betreuer brachten mit kleinen Geschenken ihre Wertschätzung für den hohen Einsatz des Teams zum Ausdruck. Eine ganz besondere Unterstützung erfuhren Bewohner und Team von ganz unerwarteter Seite: „Der Lengericher Bayern-München-Fanclub Rot-Weiß-Augustiner 49 hat uns drei Wochen lang jeden Morgen belegte Brötchen vorbeigebracht.“ Ein Mitarbeiter der Reha GmbH hatte Vereinsmitgliedern von den Covid-19-Erkrankungen in der Wohnstätte berichtet. Spontan entschied sich der Fanclub zur Hilfe. „Die viele Solidarität hat uns wirklich den Rücken gestärkt“, sagt Katharina Hegge.

* Der Name des Bewohners wurde geändert.

Aufnahme der Hausleiterin in weißem Schutzanzug, mit weißem Mundschutz und Visier sowie Gummihandschuhen.
Den COVID-19-Ausbruch erlebte Hausleiterin Katharina Hegge als schwerste Zeit im über 35-jährigen Bestehen der Einrichtung für Menschen mit Einschränkungen.
Haben fast vier Jahrzehnte Psychiatriegeschichte miterlebt: Bewohner und Mitarbeitende haben sich zu einem Gruppenfoto vor einem Oltimerbus aufgestellt. 09 Dez 2019

BY: Reha GmbH

Aktuelles

Psychiatriegeschichte hautnah miterlebt

„Die Würde jedes Menschen achten“

36 Jahre lang hat Ute Dölling-Ruhe in der Wohnstätte Bergstraße Neubau für Menschen mit psychischen Behinderungen gearbeitet. In dieser Zeit prägte die Sozialarbeiterin nicht nur die Wohngruppe. Sie erlebte auch knapp vier Jahrzehnte Psychiatriegeschichte hautnah mit. Jetzt wurde die frühere Hausleiterin bei der jährlichen Weihnachtsfeier gemeinsam mit der Hauswirtschafterin Monika Ringeltaube in den Ruhestand verabschiedet.

Ein familiäres Zuhause

Der Geschäftsführer der Reha GmbH steht in er Mitte von zwei Mitarbeiterinnen, die jeweils ein Abschiedsgeschenk in die Händen halten.
Präsente zum Abschied gab es für Ute Dölling-Ruhe (lks.) und Monika Ringeltaube (re.) von Geschäftsführer Herbert Isken

Es ist ein würdiger Rahmen für einen Abschied: Die 13 Bewohnerinnen und Bewohner der Wohnstätte, ihre Angehörigen sowie Mitarbeitende der Reha GmbH haben sich im Hof-Café Kötters Kotten versammelt. Insgesamt sind es über 50 Personen. Es gibt Gesang und Gedichtvorträge, Präsente und einige Abschiedstränen. „Ohne euer Engagement wäre die Wohnstätte an der Bergstraße heute nicht das, was sie ist“, betont Geschäftsführer Herbert Isken in seiner kurzen Laudatio. „Sie ist ein familiäres Zuhause für Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Hier leben sie nicht nur mitten in der Gesellschaft, sondern werden auch gestärkt und gefördert.“

Psychiatrie-Enquete gegen „Verwahrpsychiatrie“

Bis in die 1980er Jahre sah die Versorgung noch ganz anders aus. „Menschen mit seelischen Behinderungen wurden in den psychiatrischen Kliniken häufig dauerhaft untergebracht“, erzählt Ute Döllig-Ruhe. Eine soziale Rehabilitation habe praktisch nicht stattgefunden. „Die Patienten hatten kaum Privatsphäre und konnten nicht selbständig entscheiden. Sogar ihre Kleidung wurde ihnen morgens aus einem verschlossenen Schrank gegeben.“ Zudem sei nicht selten mit starken Medikamenten und Bestrafungen gearbeitet worden. Die von der damaligen Bundesregierung in Auftrag gegebene Psychiatrie-Enquete forderte deshalb eine Neuordnung der „Verwahrpsychiatrie“. Das wirkte sich auch in Lengerich aus: Das damalige Landeskrankenhaus löste schrittweise die Stationen auf. Eine der ersten betreuten Wohngruppen zog in die Villa an der Bergstraße ein.

Pädagogisches Konzept verbessert seelische Gesundheit

Die Anfangszeit war schwierig, wie sich Ute Dölling-Ruhe und die Hauswirtschafterin Monika Ringeltaube erinnern. Zu lange waren die Patienten aus einem normalen Lebensalltag herausgerissen worden. Sie mussten Selbständigkeit und ein gutes soziales Miteinander wieder neu lernen. Mit ihren heilpädagogischen und sozialpsychiatrischen Konzepten setzten die Mitarbeitenden damals wie heute auf Respekt und Wertschätzung. „Wir müssen die Persönlichkeit und Würde jedes Menschen beachten“, betont Ute Dölling-Ruhe. „Ob er eine Behinderung hat oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle.“ Das pädagogische Konzept hat nicht nur die Lebensbedingungen der Bewohnerinnen und Bewohner grundlegend verbessert, sie profitieren auch gesundheitlich. „In den ersten Jahren mussten unsere Bewohner wegen seelischer Krisen noch häufiger stationär aufgenommen werden“, berichtet Ute Dölling-Ruhe. „Das kommt heute so gut wie gar nicht mehr vor.“

Fit machen für ein Leben in der Gesellschaft

Die Anforderungen an die Arbeit der Wohnstätten habe sich grundlegend gewandelt, berichtet auch Herbert Isken. Der Sozialpädagoge und Rehabilitationsexperte ist seit 30 Jahren bei der Reha GmbH. Insgesamt leben über 30 Frauen und Männern mit unterschiedlich ausgeprägten Beeinträchtigungen in drei verschiedenen Häusern.  „Ging es anfangs noch um eine angemessene Unterbringung, steht heute klar der rehabilitierende Aspekt im Mittelpunkt.“ Die vor zehn Jahren in Kraft getretene Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen habe das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen zusätzlich gestärkt. „Unsere Aufgabe ist es heute, die Menschen fit zu machen für ein möglichst normales und selbständiges Leben innerhalb der Gesellschaft.“

Für Ute Dölling-Ruhe waren ihre 36 Arbeitsjahre trotz aller Herausforderungen und Veränderungen eine wunderbare Zeit, wie sie sagt. „Die Menschen sind wie meine zweite Familie.“ Umso besser, dass sie ihre Nachfolge gut geregelt weiß. Katharina Hegge, selbst schon über 25 Jahre in der Wohnstätte an der Bergstraße, leitet das Haus weiter. Sie organisierte auch die Weihnachtsfeier samt Abschied mit einigen Überraschungen.

Ein großer roter Oldtimer-Bus steht in einer Siedlung.
Große Überraschung für Ute Dölling-Ruhe und Monika Ringeltaube. Mit einem Oldtimer-Bus ging es zum Hofcafé.
Blick in einen großen Caféraum, in dem viele Menschen an Kaffeetischen sitzen und zu einem Weihnachtsmann blicken, der den Tischen steht.
Bei der jährlichen Weihnachtsfeier darf natürlich auch der Nikolaus nicht fehlen.

 

 

Eine junge singt lächelnd in ein Mikrofon.
Sorgte mit einem Liedvortrag für einen stimmungsvollen Auftakt der Weihnachtsfeier: Amisha Dyal, die Tochter einer Mitarbeiterin.
Eine junge Frau steht neben dem Nikolaus und singt ein Lied.
Viele weitere Lied- und Gedichtvorträge der Bewohnerinnen und Bewohner folgten.
Freuen sich über mehrere Jubiläen: Drei Männer und drei Frauen sitzen um einen Tisch und lachen in die Kamera 03 Dez 2018

BY: Reha GmbH

Aktuelles

Jubiläen der drei Wohnstätten

Drei Jubiläen: Wohnstätten bestehen seit 25, 30 und 35 Jahren

Menschen mit geistigen oder psychischen Behinderungen ein Leben in Würde und größtmöglicher Selbstbestimmung zu ermöglichen – diesem Ziel hatten sich in den 1970er Jahren engagierte Lengericher Bürger verschrieben.  1974 gründeten sie den „Förderkreis für psychisch Erkrankte und Behinderte e.V. Lengerich“, der in den folgenden Jahren insgesamt drei Wohnstätten für ehemalige Klinik-Patienten einrichtete. In diesem Jahr feiern alle Wohnstätten, die mittlerweile zur Reha GmbH für Sozialpsychiatrie gehören, Jubiläen: Seit 25, 30 und 35 Jahren bieten sie insgesamt 35 Menschen mit seelischen Erkrankungen ein familiäres Zuhause. Ein guter Grund, einen Blick zurück zu werfen.

Umzug einer kompletten Station

„Menschen mit psychischen oder geistigen Behinderungen wurden damals eher weggesperrt und verwahrt als adäquat behandelt“, erinnert sich Herbert Isken, Geschäftsführer der Reha GmbH. „Viele Betroffene lebten dauerhaft in Kliniken, häufig in großen Schlafsälen ohne jegliche Privatsphäre. Eine soziale Rehabilitation fand praktisch nicht statt.“ Die meisten von ihnen litten neben ihrer ursprünglichen Erkrankung noch an zusätzlichen Störungen, hervorgerufen durch Hospitalismus. Mit zunächst ehrenamtlichem Engagement kümmerte sich der Förderkreis um Langzeitpatienten der Klinik. 1983 zog dann eine komplette Station aus der LWL-Klinik in die erste Wohnstätte des Vereins an der Lengericher Bergstraße. Fünf Jahre später folgten weitere 15 Patienten, die eine umgebaute Villa an der Rahestraße bezogen. 1993 schließlich richtete der Verein ein Haus für sieben Menschen mit schwersten Beeinträchtigungen ebenfalls an der Bergstraße ein.

Antje Simkes, Hausleiterin in der Wohnstätte Rahestraße, ist von Beginn an dabei: „Die damaligen Bewohner hatten alle viele Jahre in Kliniken gelebt.  Es gab oft Streit unter den Bewohnern, viele hatten Probleme mit Agressionen“, erinnert sich die 55-jährige Sozialpädagogin. „In den psychiatrischen Kliniken ging es ja ganz anders zu früher. Pädagogische Maßnahmen liefen vor allem über Strafe, manchmal auch über körperliche Sanktionen.“ Antje Simkes und ihre Kollegen brauchten mehrere Jahren, um die erworbenen Verhaltensauffälligkeiten der Bewohner erfolgreich abzubauen.

Leben wie in einer Großfamilie: 15 Bewohner zwischen 20 und 88 Jahren

Wer heute die große Villa an der Rahestraße betritt, der bemerkt von den Schwierigkeiten der Anfangsjahre nichts mehr. Es geht zu wie in einer Großfamilie, allerdings wahrscheinlich etwas entspannter. Die 65-jährige Rita steht am Wohnzimmertisch und faltet Wäsche während Christoph die Spülmaschine ausräumt. Matthias bereitet sich gerade eine kleine Zwischenmahlzeit zu und Uli schaut eine Popsendung. Die Musik ist ziemlich laut, aber das stört hier niemanden. Die Jüngeren haben sich ohnehin verzogen. Rene sitzt in seinem Zimmer vor dem Laptop – wie das 20-Jährige ebenso machen. Zwei Räume weiter ist Silvia in ein Buch vertieft. Die meisten von ihnen waren heute schon arbeiten – in einer der Einrichtungen der Ledder Werkstätten. 15 Bewohner im Alter von 20 bis 88 Jahren leben heute in der Wohnstätte zusammen. Und sie fühlen sich offensichtlich wohl hier und verstehen sich gut. In dem riesigen Wohnzimmer wird viel gelacht und gescherzt.

Stärken fördern, individuelle Perspektiven entwickeln

Die 32-jährige Silvia ist vor fünf Jahren in die alte Villa an der Rahestraße gezogen und es gefällt ihr hier besser als zuhause. „Alle sind immer so nett“, sagt sie. Matthias, der vor einem Jahr dazu gekommen ist, sieht das genauso: „Wir haben hier eine so schöne Atmosphäre. Und wir unternehmen viel zusammen.“ Aktiv sein Leben gestalten entsprechend den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen – dazu ermutigen und befähigen die Mitarbeiter die Bewohner. „Wir sehen nicht die ganze Zeit auf die Krankheit der Einzelnen, sondern auf ihre individuellen Fähigkeiten“, berichtet Antje Simkes. „Und wir ermutigen sie, mit diesen Fähigkeiten eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln.“ Christoph, Matthias und einige andere gehen regelmäßig zum Sport. Silvia hat ihren Spaß am Shoppen entdeckt. Außerdem geht sie gerne tanzen, wie andere junge Frauen auch. Rene, der fit am Computer ist, macht gerade eine Ausbildung bei den Ledder Werkstätten.

Neue Herausforderungen

Seit der Gründung der Wohnstätten  hat sich die Psychiatrie glücklicherweise stark geändert und damit auch die Herausforderungen für die Mitarbeiter. Die Bewohner kämen heute meistens nicht mehr aus psychiatrischen Kliniken, sondern aus den Elternhäusern, berichtet Antje Simkes. Häufig seien sie sehr behütet aufgewachsen. In der Wohnstätte lernen sie dann mehr Selbständigkeit und Eigenverantwortung zu entwickeln. „ Es ist gut gemeint, aber leider kümmern sich viele Eltern so lange um ihre behinderten Kinder bis sie selbst erkranken oder versterben.“ Zu dem erforderlichen Umzug in eine stationäre Einrichtung käme dann noch der schwere Verlust. Besser sei es, den Umzug rechtzeitig vorzubereiten und familiär zu begleiten, solange die Eltern dies noch könnten.

Auch Ulrich ist nach dem Tod seiner Eltern vor drei Jahren in die Wohnstätte gezogen. Seine Geschwister hatten den Platz für ihn ausgesucht. Und damit ist der 53-Jährige sehr zufrieden: „Hier ist es gut. Das haben meine Geschwister richtig gemacht.“

Spende für Reittherapie: Die Spender von der Firma ESM stehen mit der Pferdeführerin und der Reittherapeutin neben einem braun-weißen Pferd, auf dem eine junge Frau sitzt und lachen in die Kamera. Die Gruppe steht auf einem Sandreitplatz vor dem Herbstwald. 06 Nov 2018

BY: Reha GmbH

Aktuelles

Spende für Reittherapie

Bei der Reittherapie neue Stärken entwickeln

Auf dem Pferderücken lebt Patrizia sichtbar auf. Die junge Frau, die eine geistige Behinderung hat, profitiert stark vom therapeutischen Reiten. Dank einer Spende der Firma ESM Elektroservice- und Montage in Georgsmarienhütte kann sie nun zwei Jahre lang einmal wöchentlich zur Reittherapie gehen statt wie bisher alle zwei Wochen.

Behutsam streicht Patrizia mit der Bürste über Wallys Fell. Schwer zu sagen, wer das mehr genießt: der gutmütige Pinto-Wallach oder die zierliche junge Frau. In jedem Fall herrscht zwischen den beiden bestes Einvernehmen. Und das ist beim therapeutischen Reiten besonders wichtig. Die 30-Jährige hat von Geburt an eine geistige Behinderung bei einem Down-Syndrom, wie Ralf Kunkemöller berichtet. Der Sozialarbeiter leitet eine von drei Wohnstätten für Behinderte der Reha GmbH für Sozialpsychiatrie in Lengerich. Hier lebt Patrizia seit gut drei Jahren. Und ungefähr genauso lange geht sie auch zur Reittherapie bei Silke Kleinheider in Lienen. „Sowohl die Pferdepflege als auch das Reiten selbst haben sich in dieser Zeit ganz toll entwickelt“, freut sich die Therapeutin. „Vor allem auch die eher schwierigen feinmotorischen Aufgaben erledigt Patrizia richtig gut.“  

Mit einer Aufstiegshilfe geht‘s nun aufs Pferd. Der Reitplatz liegt vor der malerischen Kulisse des herbstlich bunt gefärbten Teutoburger Waldes. Der interessiert die Reiterin im Moment allerdings herzlich wenig. Sie konzentriert sich ganz auf ihr Pferd und Silke Kleinheiders Anleitungen. Seitlich oder rückwärts auf Wallys breitem Rücken sitzen – für die junge Frau alles kein Problem. Am meisten Vergnügen bereiten ihr aber die Runden im flotten Trab. Patrizia, die nicht sprechen kann, strahlt über das ganze Gesicht. Es ist auch für Außenstehende offensichtlich, wie gut ihr diese Reitstunden tun.

Reittherapie fördert auch Teilhabe

An einem Abend hat dies auch Silke Kleinheiders Mann Andreas miterlebt, der mit einem Partner die Firma ESM Elektroservice und Montage in Georgsmarienhütte betreibt. Die erfolgreiche Therapiestunde hatte den Freizeitreiter so beeindruckt, dass er am nächsten Tag bei der Arbeit davon berichtete. Der Funke der Begeisterung sprang sofort über. Die kaufmännische Mitarbeiterin Heidi Karasu schlug vor, Patrizias Reittherapie finanziell zu unterstützen. „Wir spenden ja immer einen Teil des Unternehmensumsatzes für einen guten Zweck“, erklärt Heidi Karasu. „Meistens für Sportvereine, Schulen oder Jugendgruppen.“ Erstmalig profitiere nun eine Einzelperson von der Unternehmensspende und zwar in Höhe von genau 936 Euro.

Heidi Karasu und Andreas Kleinheider finden es gut, direkt mitzuerleben, wie viel Gutes ihre Spende bewirkt. Und das auch noch langfristig. Denn Patrizia kann nun zwei Jahre lang doppelt so häufig zur Reittherapie gehen wie bisher. Die anderen Stunden bezahlt ihre Mutter, Mitarbeiter der Wohnstätte bringen sie zur Therapie nach Lienen und wieder zurück. Auch Ralf Kunkemöller und seine Kollegen begrüßen die Unterstützung sehr: „Patrizia profitiert stark von der Reittherapie. Sie spürt ihren eigenen Körper, schult bestimmte Fertigkeiten und hat Freude daran. Außerdem fördern regelmäßige Aktivitäten außerhalb unserer Einrichtung ihre gesellschaftliche Teilhabe. Und das ist uns besonders wichtig.“